Peter Hollo: Zen …oder die Kunst sich im Internet beleidigen zu lassen

Im Jahr 1994 steckte ich in einer tiefen Krise. Ich war dreißig Jahre alt. Vollkommen leer, ziemlich pleite und ausgebrannt wurde mir klar, ich musste mein Leben neu ordnen, dringend. Kurz zuvor war ich zum ersten Mal geschieden worden, weil Ehefrau Nr.1 sich mit meinem besten Freund und Trauzeugen verwirklicht hatte und beruflich lag meine Karriere in Trümmern. Nichts war mehr übrig von dem einstigen Überflieger, der mit Mitte Zwanzig dort angekommen war, wohin es abertausende ein Leben lang nicht schafften. Ich hatte hingeschmissen, weil es nicht mehr ging. Ich konnte nicht mehr!

 

Kein Wunder also, dass ich mich nach neuen Wegen umsah. Zu meinem großen Glück war ich in einer weltoffenen Familie aufgewachsen, die in vielerlei Hinsicht nicht dem üblichen Modell der 1960er und 70er Jahre entsprach. Ich durfte lange Perioden im Ausland verbringen und daheim im Bücherregal standen die Bibel, der Koran, die Schriften Buddhas oder auch der Talmud. Und ich denke noch gerne an eine indische Lehrerin zurück, die mir den Hinduismus nahebrachte.

 

Bereits Anfang meiner Zwanziger hatte ich begonnen mich sehr für den Buddhismus zu interessieren. War er doch mehr eine Philosophie als eine Religion. Und es gab da kein Überwesen, was mich nach meinem Tod retten oder bestrafen würde, sondern all das würde ich vollkommen eigenverantwortlich schon selbst in diesem Leben erledigen. 

 

Wie gesagt, es war 1994 und ich war am Ende. Oder besser gesagt am Anfang. Am Beginn einer Reise in den Zen-Buddhismus, den ich über Jahre sehr intensiv praktiziert aber nie auch nur im Ansatz verstanden habe. Andere Zen-Adepten werden jetzt sicherlich schmunzeln.

 

Im Zen geht es um das unmittelbare Erfahren der Wirklichkeit, ohne den Filter von Konzepten, oder (Vor-)urteilen. Es geht darum die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Zu erkennen, dass die Trennung zwischen „mir“ und „der Welt“ eine Illusion ist. Um die Überwindung des dualistischen Denkens, ohne permanente Kategorisierung in Gut/Böse, Ich/Du, Erfolg/Misserfolg. Ich könnte an dieser Stelle sehr viel über diesen „der Weg ist das Ziel Blödsinn“ sagen, der vollkommen anders gemeint ist, als immer und immer wieder kommuniziert. Aber das nur am Rande.

 

Zen zielt darauf ab, diesen Dualismus und willkürliche Definitionen aufzulösen. Das Ziel ist ein Geisteszustand, der wie ein Spiegel ist: Er reflektiert alles, was vor ihm ist, ohne daran festzuhalten oder es zu bewerten. Und schließlich um die Präsenz im Hier und Jetzt. Im Zen gibt es kein Streben nach einem fernen Paradies. Das Ziel ist es, in jedem Moment vollkommen präsent zu sein – egal ob man meditiert, Tee trinkt oder den Boden fegt.

 

Nicht zuletzt geht es auch um die Überwindung des Egos und die Überwindung von Verlangen und Anhaftungen, Gefühlen wie Gier, Hass, Wut, Stolz oder Verblendung.

 

Wer jetzt immer noch nicht raus ist und bis hierhin weitergelesen hat, wird sich jetzt langsam fragen, was will er uns sagen? Kommen wir zum Punkt:

 

Sich im Internet auf eine konfrontative Diskussion mit vollkommen Fremden einzulassen ist ein erstklassiger Weg, um das eigene Ego auszuloten. Denn es dauert nicht lange und die Situation gleitet vollkommen ab in ungebremste Aggression oder gar offene Feindseligkeit. Was früher ausschließlich ein Phänomen in den üblichen Sozialen Netzwerken war, das hat inzwischen auch Karriere- oder Business-Netzwerke wie LinkedIn erfasst. Ich frage mich, warum Menschen dort so derart eskalieren. Lesen das doch vielleicht Kolleg*innen, Chefs oder Kund*innen. Die wollen doch sicher mal nen Job oder einen Auftrag oder was auch immer!

 

Spätestens dann, wenn die Beleidigungen anfangen, wenn ich so richtig unsachlich angegangen werde, dann merke ich plötzlich, wie stark mein Ego immer noch ist. Wie sehr ich nach all den Jahren getrieben werde von Gefühlen wie Ärger, dem Verlangen gemocht oder ernstgenommen zu werden und vielem mehr. Da fällt es mir schwer meine heitere Gelassenheit zu bewahren und Gefühle wie Wut zwar wahrzunehmen, aber nicht daran festzuhalten und sie einfach ziehen zu lassen.

 

Und genau deswegen mache ich das inzwischen, ganz bewusst. Ich gehe in diese Diskussionen hinein, vielleicht als so etwas, wie eine Konfrontationstherapie. Spätestens nach der ersten Beleidigung merke ich …da muss ich noch dran arbeiten, an meiner heiteren Gelassenheit …und eigentlich ist das nur deshalb eine Beleidigung, weil ich es immer noch nicht geschafft habe mich von meinem Ego zu befreien. Und mir wird klar, es geht hier um mein Mindset und nicht um das eines übergriffigen Vollhorsts. …den ich auch nur als einen übergriffigen Vollhorst empfinde, weil ich… ach lassen wir das! …es ist kompliziert!

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