Peter Hollo: Die dachdeckende Krankenschwester ...und andere politische Chimären

Das Rentensystem muss reformiert werden, soviel ist klar. Nun liegen die Vorschläge der Rentenkommission auf dem Tisch. Und will man den Worten der Politik glauben, dann werden diese jetzt zügig 1:1 umgesetzt. Dass das nicht so kommen wird, das wissen wir alle. Denn Amnesie und Parteitaktik liegen sehr eng zusammen, und weder Unternehmen noch der Staat sollten vom Controlling allein geführt werden. Denn das wäre der sichere Untergang. Unternehmen brauchen mutige und fähige Manager*innen und Staaten ebensolche Politiker.

 

Wir werden sehen, wie es kommt. Und darum soll es heute auch nicht gehen. Heute geht es um das Menschenbild, das in der Politik vorherrscht.

 

Nehmen wir mal den vielzitierten Dachdecker oder die Krankenschwester, oder den Altenpfleger. Alles Menschen, denen besonders die SPD zugestehen möchte im Leben schwer gearbeitet sich damit einen früheren Ruhestand verdient zu haben. Lassen wir dann noch die Gewerkschaften drüberschauen, dann bekommen wir noch den Arbeiter in der Schwerindustrie dazu und was es sonst noch an Klientelinteressen zu bedienen gilt.

 

Und die anderen? Alle nicht dachdeckenden Krankenschwestern haben also ihr ganzes Leben lang nichts geleistet? Die können ruhig länger, weil deren Job… ach was… pillepalle! Dieses ganze Dachdecker-, Krankenschwester-, Pflegergerede ist nichts weniger als die ungeheuerliche Herabsetzung von Arbeitsbiografien und ganzen Lebensleistungen. Die Verkäuferin, die nach 40 Jahren stehen einfach nicht mehr kann, der Sachbearbeiter, der nach Jahrzehnten am Bildschirm kaum noch die Buchstaben sieht, die Kreative, die niemand mehr haben will, nur weil sie alt ist, der Vertriebler, der montags aus dem Haus geht und freitags wiederkommt. Das sind Arbeitnehmer*innen zweiter Klasse? Die sollen sich nicht so haben? Oder was? Die sollen ruhig bis 70 arbeiten, haben doch nen lockeren Job. Eine Frechheit! Nach einer bestimmten Anzahl von Berufsjahren bist du einfach kaputt. Ganz egal was du vorher gemacht hast oder wie lange du hinterher noch lebst. Und du hast dir den Ruhestand verdient. Wortwörtlich!

 

Ach ja, und die Selbständigen, ganz besonders die vielen Soloselbständigen, die vor lauter Freizeit, Glück und Reichtum gar nicht mehr wissen, was sie tun sollen, die sollen jetzt auch in die Rente einzahlen? Wieviel denn? Auch den doppelten Betrag eines angestellten Arbeitnehmers, also den Arbeitnehmer- und Arbeitgeberanteil zusammen? Wie jetzt schon bei der Krankenversicherung? Ich glaube wenigen Nicht-Selbständigen ist klar, wie massiv sich das bei einem mittleren Einkommen jetzt schon finanziell auswirkt. Kommt dann noch die volle Rentenpflicht dazu, dann kannst du die Solo-Selbständigkeit eindampfen. Das rechnet sich dann für niemanden mehr.

 

Neben all diesen Aufregern bleibt eine Frage vollkommen unbeantwortet. Und die betrifft ganz konkret meinen Fachbereich. Sie wird nicht einmal durch die Politik gestellt. Wo sind denn die Unternehmen, die noch eine 65jährige Verkäuferin einstellen? Den 60jährigen LKW-Fahrer oder den 63jährigen Vertriebsaußendienstler? In einer Welt, in der du ab 40 schon kritisch beäugt wirst. Wer längere Lebensarbeitszeiten fordert, der muss genau diese Frage beantworten. Punkt! Es passiert aber nicht. Da wirft man lieber jede Menge Nebelkerzen. Ist ja auch egal. Was wir an Rente sparen, dass zahlen wir dann eben mehr als Arbeitslosengeld. 

 

Wieder einmal, und ich glaube das ärgert die Leute am meisten und das treibt sie den Radikalen in Scharen zu, wieder einmal wird von den Menschen genommen, die etwas tun. Die sich Mühe geben, die es irgendwie hinkriegen mit der Miete. Die sich für´s Alter etwas angespart oder aufgebaut haben. Die arbeiten gehen, auch wenn´s mal keinen Spaß macht. Die sich mit ihrem 20 Jahre alten, hundertmal reparierten, Diesel jeden morgen auf den Weg zur Arbeit machen und sich dafür als Ewig-Gestrige und Umweltschweine beschimpfen lassen müssen. Sollen sich doch ein E-Auto kaufen?! Wovon denn, liebe Leute?!

 

Ich glaube, es gibt bei vielen Menschen ein tiefes Gefühl des Nicht-Geschätzt-Werdens, eine massive Störung ihres Gerechtigkeitsempfindens. Den Eindruck auf den Arm genommen zu werden, weil das Offensichtliche nicht benannt werden darf. Und das ist gefährlich.

 

Warum ist es zum Beispiel tabu als Demokrat die Frage zu stellen, warum Leute aus einem Sozialsystem alimentiert werden, in das sie noch nie einen Cent eingezahlt haben? 50% der Bürgergeldempfänger*innen haben keinen deutschen Pass. Aus jeder WG kennen wir das Phänomen: Wenn nur einer einkauft und kocht und die anderen sich kostenlos durchfuttern, dann reicht´s dem Koch irgendwann einmal. Warum darf das gesellschaftlich nicht gelten?

 

Wie kann jemand Bürgergeld bekommen, der gar kein Bürger ist? Wie lange wollen wir diese Diskussion, und noch einige mehr, weiter in die rechte Ecke stellen? Denn genau das wird von den Menschen im Land diskutiert, viel zu oft hinter vorgehaltener Hand. Erreicht haben wir damit nur, dass sich hinter unserer moralisch einwandfreien Staumauer eine riesige Flutwelle aufgebaut hat. Und diese Staumauer wird in Kürze brechen. Und dann ist der Schaden da. Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war. Auch nicht das Gute. Und unser Staat hat so viel Gutes zu bieten. Die radikalen Kräfte werden siegen, ohne nur ein Wort gesagt oder nur eine tragfähige Lösung angeboten zu haben. Alles, was sie tun müssen, das ist zu warten, bis ihnen der Staat wie ein reifer Apfel in den Schoß fällt.

 

Die Menschen sind richtig sauer, weil man sie bis heute nicht ernst nimmt. Auch die, die ich in meinem ganz privaten Umfeld bisher nicht im Wutbürgertum verortet hatte. Ich höre da gerade Wahlabsichten, die kannst du dir nicht ausdenken. Die Arbeitenden in Deutschland, auch die mit Migrationshintergrund, sind der SPD in Scharen weggelaufen. Und die einzige Antwort der Politik darauf: Setzen wir noch einen ideologischen Schildbürgerstreich obendrauf. Denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Kein Wunder, dass sich einige Ostbürger an dunkle Zeiten erinnert fühlen. Auch wenn ich ihre Reaktion darauf weder schätze noch teile. Ganz im Gegenteil. Sie ist nicht nur brandgefährlich, sondern geradewegs selbstzerstörerisch!

 

Die Menschen in Deutschland sind zu Einschnitten bereit. Davon bin ich überzeugt. Sie wollen aber nicht einerseits gemolken und andererseits von der politischen Meinungsbildung ausgeschlossen werden, weil ihre Meinung nicht ins Konzept passt. Hätte die Politik das (früher) erkannt, dann gäbe es in Deutschland weder eine ernstzunehmende Partei links von der SPD noch rechts von der CDU. Aber ich fürchte, man hat´s versemmelt.

 

(Noch) sind wir eine Demokratie. Und in der zählt nicht moralische Überlegenheit, sondern das, was die Mehrheit möchte. Auch wenn´s nicht immer edel, gut und schön ist. Denn Demokratie ist per se nicht moralgenerativ, sondern lediglich eine Form der politischen Entscheidungsfindung durch Mehrheiten. Kaderparteien, die uns den Weg weisen sind in unserem System aus gutem Grund nicht vorgesehen. Entsteht das Gefühl, dass die Mehrheit nicht mehr zählt, dann führt das zu Wut. Und Wut war noch nie ein guter Ratgeber. Wer´s immer noch nicht wahrhaben will, die nächsten Wahlen dieses Jahr sind nicht mehr fern. Augen zu und durch wird da nicht mehr helfen!

 

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